Eine unbekannte Zeichnung in Weimar

(Marko Richter, 1999)


In Europa gibt es den Brauch, jedes Jahr einen anderen Ort zur Kulturhauptstadt zu ernennen. Weimar kann sich für 1999 mit diesernTitel gegenüber anderen kulturellen Zentren hervorheben. Was aber hat Goethes Stadt mit maritimer Geschichte zu tun?

Bekanntlich lohnt es sich auch im Binnenland, nach maritimer Vergangenheit zu forschen. Weimar ist nur ein Beispiel dafür. Dass sich mit diesem Ort deutsche Klassik und Johann Wolfgang von Goethe verbinden, steht genauso außer Frage, wie Goethes vielseitige Begabungen. Für seine zeichnerischen Arbeiten sammelte er, wie jeder andere Künstler, Vorlagen und Vorbilder. Wahrscheinlich aus diesem Grunde befindet sich in der Sammlung der Zeichnungen der Stiftung Weimarer Klassik eine bisher unbekannte Studie anderer Meister ihres Faches -Willem van de Velde junior und senior. Diese 1611 und 1633 in Leiden geborenen Marinemaler fuhren mit der Flotte der Niederlande mit, um später aus den Skizzen Aufträge der Regierung und Flottenführung gemeinsam ausführen zu können.

Die hier erstmals veröffentlichte Zeichnung (Bild 1) [1] befindet sich mit einer weiteren Zeichnungen [2] der van de Veldes in der Goethischen Kunstsammlung (aus Privatbesitz Goethes) der Stiftung Weimarer Klassik und wurde bisher unter "Unbekannt" archiviert. Sie ist eine Vorstudie und bildet das Bindeglied zwischen Skizzen vor Ort (als Beispiele Bilder 3 und 4) und dem endgültigen Werk (Bild 2).

An einem vergleichbaren Beispiel kann die Anwendung von solchen Zeichnungen gezeigt werden. Das Ölgemälde Die Gouden Leeuw vor Amsterdam wurde 1686 vom jüngeren van de Velde beendete [3], in Erinnerung an glorreiche Zeiten und an das bis dahin größte Kriegsschiff der Niederlande, welches zu diesem Zeitpunkt wegen Verrottung für unbrauchbar befunden wurde. Die Szene, die Gouden Leeuw vor einer Stadt mit vielen Schiffen liegend, kommt in mindestens drei Zeichnungen vor. Alle drei sind signiert und auf das Jahr 1686 datiert, aber in drei verschiedenen Stadien der Ausführung. Die erste Zeichnung [4] zeigt die Fahrzeuge nur schemenhaft, mit der Verteilung von Licht und Schatten, aber im Vordergrund bereits in etwa auf ihre Plätze verwiesen. Die Idee, ein großes Kriegsschiff in Heckansicht vor einer Hafenstadt, ist klar formuliert. In der zweiten Zeichnung [5] beschränkte man sich nur auf die Fahrzeuge des Vordergrundes. Es werden Details sichtbar, leichte Korrekturen der Stellung von Masten, Rahen und Flaggen sind festzustellen. Mit der dritten Zeichnung [6] werden Details der hinteren Schiffe und die Silhouette der Stadt deutlich. Es sind nur noch vereinzelt Korrekturen erkennbar. Auf diese Weise werden Ideen zu Papier gebracht und die beste Wirkung der Bildkomposition ausprobiert, bevor das Gemälde begonnen wird. Nachdem man sich auf eine Anordnung der Fahrzeuge geeinigt hat, werden aus verschiedenen Zeichnungen der Hintergrund, der Vordergrund und die notwendigen Details aus den Porträts der Schiffe geholt und zusammengesetzt.

Auf der Suche nach ähnlichen oder gleich aussehenden Werken von Vater und Sohn Willem van de Velde, bin ich auf eine weitere Zeichnung und ein Gemälde (penschilderij) gestoßen.

Das erste Vergleichsobjekt, eine Zeichnung aus dem National Maritim Museum Greenwich [7], hat im Vergleich zur Weimarer Zeichnung (Bild 1) einige Unterschiede. Im rechten Bildteil zeigt sich zusätzlich ein weiteres Schiff, das Flottenflaggschiff Eendracht, das 1665 unter van Wassenaer van Obdam in der Schlacht bei Lowestoft explodierte. Anzumerken sind zwei weitere Fakten: die Beiboote streben der Eendracht zu und nicht dem neben ihr liegenden Schiff. Außerdem macht die ganze Zeichnung einen flüchtigen Eindruck, schnell gezeichnete Striche, der Horizont wurde nachträglich quer durch alle Fahrzeuge eingezeichnet. Robinson datiert diese Zeichnung in seinem Katalog ungefähr auf das Jahr 1674.

Bei der Sammlung der Flotte 1665 unter van Wassenaer van Obdam, zeichneten die van de Veldes vor Ort mehrere Abbildungen mit Einberufungen von Kriegsräten an Bord der Eendracht. Ob schon ein Auftrag vorlag oder diese Zeichnungen nur für den eventuellen Fall gefertigt wurden, ist nicht nachweisbar. Aus diesen Skizzen entstand offensichtlich die Idee, die in der oben beschriebenen Zeichnung aus Greenwich zu Papier gebracht wurde.

Das mit der Weimarer Zeichnung vergleichbare Gemälde (Bild 2), wahrscheinlich von 1669, ist allgemein unter dem Titel Kriegsrat an Bord der Zeven Provincien vor der Viertageschlacht 1666 bekannt [8]. Über den Verbleib des Gemäldes vor der Schenkung an das Rijksmuseum Amsterdam 1910 ist nichts bekannt. Es ist von den beiden Vergleichsobjekten im Bildaufbau am ehesten mit der Weimarer Zeichnung vergleichbar. Die Unterschiede betreffen die Schiffe selbst. Beim Gemälde ist das rechte Schiff klar als die Zeven Provincien zu identifizieren. Es ist das berühmte Flaggschiff de Ruyters, welches derzeit in Lelystadt unweit von Amsterdam auf der Batavia-Werft nachgebaut wird. Folgt man der Zeitangabe des Titels des Gemäldes, kann man das linke Schiff im Vordergrund als die Delft unter Schout-by-nacht Jan van Nes, das Fahrzeug neben der Zeven Provincien als Eendracht unter Luitenant-Admiral Aert van Nes identifizieren. Diese drei Orlogschiffe gehörten zur Admiralität Maas, nur das Schiff rechts der Delft kam von der einflußreichen Admiralität Amsterdam. Es stellt das 1665 gebaute Schiff Stadt Utrecht unter Kapitän Gotkens, auch Wapen van Utrecht genannt, dar. Warum allerdings die Flagge eines Vizeadmirals über dem Schiff weht, ist unklar. Diese gehört eigentlich auf die Ridderschapp van Holland unter dem Vizeadmiral Jan de Liefde. Mit welcher Absicht diese Änderung geschah, bleibt unbekannt. Anzumerken ist hier, dass keines der dargestellten Schiffe zur Zeit der Viertageschlacht älter als ein Jahr war.

Erstaunlich ist die einfarbige, wahrscheinlich weiße Flagge im Vortopp der Zeven Provincien. In den erhalten gebliebenen seinboeken [9] (Signalbücher) ist damit kein Signal verbunden. Nur in Gerard Brandts Biographie de Ruyters [10] erfährt man, es sei sein berühmtes Signal zur Auflösung der Flotte und jedes Schiffes könne in seinen Heimathafen segeln [11]. Dies widerspricht aber dem Titel des Gemäldes: Kriegsrat ... vor der Viertageschlacht. Verwunderlich ist Brandts Behauptung, es sei "de Ruiters berühmtes Signal". Das Signal wird meines Wissens nur einmal erwähnt und in den seinboeken ist eine andere Flagge für diesen Zweck vorgesehen. Wahrscheinlicher dürfte ein allgemeiner Zeitpunkt des Jahres 1666 für die dargestellte Szene des Gemäldes sein. Die Kommandanten der dargestellten Schiffe, die Brüder Aart und Jan van Nes sowie Jan de Liefde, werden in der Biographie de Ruyters von Prud'homme van Reine als seine Freunde [12] betrachtet. Wie in der Viertageschlacht waren sie auch in der Schlacht bei North Foreland und in späteren Gefechten in de Ruyters Geschwader eingeteilt. Bei der Schenkung des Gemäldes 1910 an das Museum für Kunst und Geschichte, dem heutigen Rijksmuseum Amsterdam, hat man wohl etwas voreilig einen Titel gefunden (erfunden?).

Dieselbe weiße Flagge im Vortopp erscheint wieder auf der Skizze (Bild 4), die der ältere van de Velde bei seinen Fahrten mit der Flotte in den Jahren 1665/66 zeichnete, zusammen mit Booten, die zum Flaggschiff hin- oder wegstreben. Die Skizzen (Bilder 3 und 4) [13] zeigen zwar auch einen Kriegsrat und dieselbe Flaggenführung, auch die einfarbige Flagge im Vortopp, aber keine Andeutung der Komposition der Standorte der Schiffe, die vergleichbar ist mit dem Gemälde im Rijksmuseum. Wegen der weißen Flagge im Vortopp des Flaggschiffes der Flotte, werden die Skizzen als direkte Vorbilder für das Gemälde betrachtet.

In der Weimarer Zeichnung ist an Stelle der Zeven Provincien ebenfalls ein Flottenflaggschiff zu erkennen [14], aber ein anderes. Es ist kleiner, es führt die Rüsten oberhalb des zweiten Batteriedecks; am Heck sind nur zwei, nicht vier Stückpforten zu erkennen und auf den Galerien fehlen die markanten Türmchen der Zeven Provincien. Nach meinem Wissen gab es bis etwa 1674 nur ein Flottenflaggschiff, dessen Rüsten oberhalb des oberen Batteriedecks lagen: die Delfland [15]. Ursprünglich wurde sie für den Principe de Montesarchio aus Spanien unter dem Namen Nuestra Senora del Rosario gebaut, aber in Amsterdam von der Kamer Delft der VOC für den Dienst in der Landesflotte gekauft [16]. Auf den Skizzen, aus dem Museum Boijmans van Beuningen Rotterdam [17], der van de Veldes vor der Schlacht bei Lowestoft wurde sie als spanjeard bzw. als delfsland bezeichnet. Nach der Schlacht, an der sie unter Kapitän Poelie teilnahm, war sie neben der De Liefde unter Cornelis Tromp das größte Kriegsschiff der Niederlande. Als Flaggschiff der niederländischen Flotte wurde sie allerdings nur vom 18. August bis 1. Oktober 1665 eingesetzt. Während der stürmischen Fahrt über die Nordsee wurde ihr "Schild", das Frontschott unter der Back, eingedrückt und sie musste deshalb heimgeschickt werden. Außerdem wird sie als rank und wenig brauchbar beschrieben.

Nach der Rückkehr von seinem Zug nach Westafrika und Amerika, übernahm de Ruyter 1665 auf der Delfland die Flottenführung. Er wurde im August mit der wiederhergestellten Flotte ausgeschickt, um in der Nordsee die heimkehrenden Handelsfahrzeuge, darunter auch eine Flotte der VOC, zu decken und sicher heimzugeleiten. Auf diesem Seezug wurden mehrere Kriegsräte einberufen. Unter anderem einer am 22. September, auf dem Vizeadmiral Aart van Nes vor versammelter Mannschaft von de Ruyter gelobt wird. Durch einen Sturm in der Nacht vom 9. zum 10. September wurde er von seiner Flotte getrennt, zu ihm gesellten sich andere versprengte Schiffe und zwei kostbare Ostindienfahrer. Nach Sichtung der gesamten gegnerischen englischen Flotte, konnte er den Angriff der Engländer, auf die bei ihm befindlichen Kauffahrer mit 13 Orlogschiffen abwehren.

Das linke Schiff auf der Weimarer Zeichnung zeigt die Beflaggung des Schiffes von van Nes, große Flagge im Vortopp als Vizeadmiral und Flügel im Großmast als Kennzeichen für das erste Geschwader oder Gros unter de Ruyter. Vor dem 26. August war er auf der Rotterdam mit 46 Kanonen und danach auf der Klein Hollandia, die 57 Kanonen trug. Möglicherweise ist hier der Kriegsrat vom 22. September dargestellt. Dann wäre das linke Schiff die Klein Hollandia unter Vizeadmiral Aart van Nes, rechts die Delfland unter Luitenant-Admiral Michiel Adriaanszoon de Ruyter und zwischen beiden, von vorn zu sehen, das Schiff eines anderen Luitenant-Admirals, entweder die De Liefde unter Cornelis Tromp oder die Steden unter Tierck Hiddes de Vries.

Es sind also drei Werke mit ähnlichem Bildaufbau, zu denen der Titel Kriegsrat an Bord des Flaggschiffes passen würde, aber mit Episoden aus drei verschiedenen Zeitpunkten. Die Zeichnungen aus Greenwich bis Juni 1665, dem Zeitpunkt, an dem die Eendracht explodiert, die Weimarer Zeichnung August/September 1665 (die Zeit, in der die Delfland als Flottenflaggschiff diente) und das Gemälde aus dem Rijksmuseum ab 1666, die Zeven Provincien unter de Ruyter. Wie lange nach den dargestellten Ereignissen diese drei Arbeiten entstanden, ist nicht überliefert. Aber die Skizzen und beide Zeichnungen dürften zur Gestaltung des Gemäldes im Rijksmuseum herangezogen worden sein.

Die Zeichnung aus Greenwich diente möglicherweise zur Darstellung des "Urgedankens". Nach der verlorenen Schlacht bei Lowestoft und dem Verlust des Flottenchefs durch die Explosion seines Schiffes, war die Schaffung eines Gemäldes Kriegsrat ... aber etwas unpassend. Die Ernennung des neuen Oberbefehlshabers de Ruyter bot sich eher als Anlasss an, wurde aber möglicherweise durch die Ereignisse in Bergen in Norwegen [18] überstrahlt. So blieb es nur bei der Weimarer Studie Kriegsrat an Bord der Delfland unter de Ruyter. Mit dem Erfolg der Flotte in der Viertageschlacht und dem "Raid on the Medway" waren die Führungsqualitäten des Luitenant-Admirals Michiel de Ruyter als Chef der Flotte allgemein bekannt und anerkannt. Es bot sich an, dies zum Anlass zu nehmen, eine alte Idee aufzugreifen und zu vollenden. Die Idee der Bildkomposition, also die Anordnung der Fahrzeuge, wurde von der Weimarer Zeichnung kopiert. Aus Skizzen, heute unter anderem im Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam, (Bilder 3 und 4), übernahm man die dargestellten Schiffe, von denen separate Zeichnungen angefertigt wurden, sowie die verwendeten Flaggen.

In der Art eines Baukastens konstruierten die Marinemaler nicht nur dieses, sondern auch andere Gemälde. Deshalb sind die Skizzen und Zeichnungen, die vor Ort entstanden, für die Erforschung der Schifffahrtsgeschichte bedeutender, als ein noch so schönes Gemälde, da sie näher an der Realität liegen.

 


Anmerkungen:

1 Federzeichnungen in braun, grau laviert, 247x417 mm, Sig W V Velde, Inv. Nr. Schuch. 1, S.315, Nr.940 [zurück]

2 Schuch. 1., S.315, Nr.941 (281) 11; zeigt zwei Skizzen auf einem Blatt [zurück]

3 Heute im Amsterdams Historisch Museum, Inv. Nr.A7421. Dieses Gemälde betreffend siehe: Margarita Russel: Willem van de Velde de Jonge. Bloemendaal 1992 [zurück]

4 Cawdor Castle, Nr.12; siehe Russel, a.a.0. S.37 [zurück]

5 Privatsammlung R. J. Schmith (Bethesda, Maryland); siehe Russel a. a. O. S.39 [zurück]

6 London, British Museum 1849-10-3-167. Croft Murray no.48; siehe Russel, a.a.0. S.41 [zurück]

7 M.S. Robinson: Van de Velde Drawings. A catalogue of drawings in the National Maritim Museum Greenwich. Cambridge 1958; Cat.Nr.451 [zurück]

8 Rijksmuseum Amsterdam, Inv.Nr.A4289 [zurück]

9 R.E.J. Weber: De seinboeken voor Nederlandse oorlogsvloten en konvooien tot 1690. Amsterdam, Oxford, New York 1982 [zurück]

10 Gerard Brandt: Het Leven en Bedryf van den Heere Michiel de Ruyter, ... Amsterdam 1687, S.453 [zurück]

11 Unter der Randnotiz "De Ruiter doet het scheysein 2. Nov. 1665" steht "... en daarna liet de L. Admiraal de Ruiter een witte vlag van de voorsteng waaijen, en drie karionenschooten doen. Dit was't beraamde sein,'t welk te kennen gaf, dat de vloot zou van een scheiden." [zurück]

12 Ronald Prud'homme van Reine: Rechterhand van Nederland. Amsterdam, Antwerpen 1996, S.211 [zurück]

13 Museum Bojjmans van Beuningen, Rotterdam, MB1866/T74 und MB18667173 [zurück]

14 Durch die große Flagge im Großtopp und den dar unter befindlichen langen Wimpel erkennbar [zur�ück]

15 Auf dem Gemälde 's Lands vloot met de Delfland voor de kust 18. august 1665 von Ludolf Bakhuizen ist dieses Schiff mit den Rüsten auf dem fünften Bergholz dargestellt. Siehe auch J. Giltaij, J. Kelch: Loef der Zeevaart. De Hollandse Zeeschil ders van de 17e eeuw. Rotterdam, Berlijn 1996. Cat.Nr.71 [zurück]

16 M.S. Robinson: The Willem van de Velde drawings in the Boijmans - van Beuningen Museum Rotterdam. Rotterdam 1979, Teil 1 S.33, Anmerkung 1 zu M B 1866/T51 a [zurück]

17 Robinson, a.a.O., M B 1866/T51 a und T53a [zurück]

18 J.C.M. Warnsinck: De Retourvloot van Pieter de Bitter. 's-Gravenhage 1929 [zurück]

Weitere Literatur:

M.S. Robinson: The Paintings of the Willem van de Veldes. Greenwich 1990;

Foreest/Weber: Du Vierdaagse Zeeslag 11.- 14. Juni 1666 Amsterdam 1984