Der holländische Zweidecker von 1665
(Das Modell im ehemaligen Hohenzollernmuseum) 


Das ehemalige Modell eines holländischen Zweideckers zählt mit Sicherheit zu den bemerkenswertesten Zeugnissen niederländischer Schiffbaugeschichte. Vor allem die bisher nur lückenhaft bekannte Geschichte des Modells, ließ Raum für Spekulationen über dessen Herkunft und Entstehung, zu deren Verbreitung die mangelhaften Recherchen Heinrich Winters nicht unerheblich beitrugen.

Schon der Ansatz, das Modell einem bestimmten Original zuzuordnen, oder es über die Abmessungen zu identifizieren schlugen fehl, da alle holländischen Schiffe dieser Zeitperiode bekannt sind und nicht zum Modell passen.

Aber weniger der Schiffbau, als vielmehr der Seekrieg, liefern hier Anhaltspunkte!

Angesichts des drohenden II. englisch-holländischen Seekrieges (1665-1667) plante Holland 1664 den Bau von 60 neuen Kriegsschiffen, der 1665 begonnen wurde. Zu diesem Zweck wurden auch neue Klassen eingefhrt, zu denen die Schiffbauer Entwürfe einzureichen hatten. Offensichtlich stellt das Modell einen dieser Entüwrfe dar, der jedoch von der Admiralitt abgelehnt wurde. Für den 1. Rang erschien es ihr zu klein und für den 2. Rang zu groß, wie die dann tatschlich gebauten Schiffe belegen. Auffallend ist jedoch, dass man nach 1680 scheinbar auf diesen Entwurf wieder zurückgriff. Die ab 1683 gebauten Schiffe des 2. Rang entsprechen weitestgehend den Abmessungen des im Modell dargestellten Schiffes.

Wie das Modell dann in den Besitz Wilhelm von Oraniens kam ist unbekannt. Als preußische Beamte im Rahmen der oranischen Nachlassstreitigkeiten vollendete Tatsachen schufen und von Preußen beanspruchte Gegenstände dieses Nachlasses beschlagnahmten, befand sich das Modell unter den Gegenständen. Das Modell kam dann 1702 ber Hamburg nach Berlin, bis dahin befand es sich in Den Haag im Schloss Oude Hof.

Erstmals schriftlich wird das Modell 1756 in Altes und Neues Berlin von G. G. Köster und J. C. Müller als ein 70-Kanonen-Schiff mit allem "...was zu einem solchen Schiff gehört..." erwähnt. Im Jahre 1800 wurde das Modell von König Friedrich Wilhelm III. auf die Kunstkammer gegeben. Die älteste (1871 veröffentlicht) bisher bekannte Aufnahme des Modells, zeigt es dort an der Decke hängend.

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Modell in der Matrosenstation an der Glienicker Brücke gründlich überholt. Bei dieser Gelegenheit sind vermutlich auch die Geschützrohre ausgetauscht und die Bewaffnung des Modells komplettiert wurde. Dies würde der damaligen Auffassung, "deutsche maritime Traditionen" zur Schau zu stellen, entsprechen und das Vorhandensein von Geschützrohren mit dem brandenburgischen Adler am Modell erklären. Der Austausch dürfte - im Gegensatz zu Winters Meinung - nicht weiter problematisch gewesen sein, da durch das herausnehmbare Oberdeck und den herausnehmbaren Zierspiegel, bei einem so großen Modell alle Geschütze zugänglich waren.

Zur 1913 stattfindenden ENTOS-Ausstellung wurde es nach Amsterdam geschickt. Nach seiner Rückkehr nach Berlin stellte man das Modell wieder im Hohenzollern-Museum auf, und Heinrich Winter unternahm Ende der 1930er Jahre bis 1942 eine gründliche Untersuchung. Im Frühsommer 1942 wurde das Modell wegen der alliierten Bombenangriffe auf Berlin in die Silberkammer des Stadtschlosses gebracht und somit weiteren Untersuchungen entzogen. Bei der Zerstörung des Stadtschlosses wurde das Modell offensichtlich mit vernichtet.

Nach Winter war das Modell sehr detailliert gebaut und hatte nach seiner Vermessung folgende Abmessungen:

Länge ber alle (einschließlich Bugspriet) 267,0 cm
Länge ber Auenkante Steven 210,6 cm
Länge zwischen den Loten 194,0 cm
Breite auf Spant 58,0 cm
Breite in der Wasserlinie 59,5 cm
Breite ber Reling 44,3 cm
Seitenhhe bis Kielsponung 46,5 cm
Tiefgang im Hauptspant 22,8 cm
Tauchtiefe im Hauptspant bis Kielsponung 19,8 cm
Maßstab 1:21

Nach diesen Vermessungsergebnissen handelt es sich um einen Zweidecker mit folgenden Abmessungen:

Länge ber Auenkante Steven 156 Fuß
Breite auf Spant 43 Fuß
Tiefgang im Hauptspant 16,5 Fuß

Th. Feige/M. Richter, 1996